Minimum Viable Product

In dieser Lektion werdet ihr…

  • erfahren, was ein marktfähiges Produkt (Minimum Viable Product) ist und warum das wichtig ist.
  • auswählen, welches die wichtigsten Funktionen eures Projekts sind, die ihr zuerst erstellen wollt.

Schlüsselbegriffe

  • Prioritätensetzung: herausfinden, was die wichtigsten Teile eures Produkts sind und zuerst daran arbeiten
  • Marktfähiges Produkt/Minimum Viable Product (MVP): eine App, die gerade genug Funktionen hat, um ihre Aufgabe zu erfüllen und sich von Benutzer:innen testen zu lassen (Verbesserungen werden später vorgenommen)
  • Zukünftige Funktionen: Funktionen, die erstellt werden, sobald der erste Prototyp eurer App oder eures KI-Modells fertig ist

Minimum Viable Product (MVP)

Jetzt, wo ihr euch für eine App- oder KI-Idee und eine Problemdarstellung entschieden habt, möchtet ihr wahrscheinlich sofort mit der Programmierung beginnen. Aber nicht zu schnell! Ihr könnt eine Menge Zeit sparen, wenn ihr ein wenig plant, bevor ihr anfangt. Eine App, die ein oder zwei Dinge wirklich gut kann, ist besser als eine App, die alles kann. Hier ist ein Beispiel:

Stellt euch vor, eure Freundin erzählt euch, dass sie immer zu spät aufwacht und zu spät zur Schule kommt. Ihr erstellt eine App für sie, die diese Dinge beinhaltet:

Ein Wecker, um sie rechtzeitig zu wecken
Wecker
Wecker

alarm-clock

Eine Benachrichtigung, die ihr sagt, wann sie schlafen gehen soll, damit sie rechtzeitig aufwacht

notification

Ein Tagebuch, in das sie ihre Träume schreiben kann, wenn sie mitten in der Nacht aufwacht

dream-journal2

Einen Musik-Player, der Entspannungsmusik abspielt, damit sie schneller einschlafen kann

music-player

Ein Chatbot, der mit ihr chattet, wenn sie nicht einschlafen kann
Wecker

chatbot

Ihr zeigt eurer Freundin die App und sie ist ganz begeistert und will sie sofort ausprobieren. Sie nutzt die App für ein paar Tage und erzählt euch dann, was sie denkt: Die Weckerfunktion und die Benachrichtigung, die ihr sagt, wann sie schlafen gehen soll, findet sie wirklich gut. Allerdings funktioniert die Benachrichtigung nicht richtig und wird manchmal mitten in der Nacht gesendet, was sie aufweckt. Die Entspannungsmusik hält sie wach und weil sie sich nicht an ihre Träume erinnert, kann sie das Traumtagebuch nicht benutzen. Sie wünscht sich, dass sie einen benutzerdefinierten Ton für den Wecker auswählen kann. Außerdem nutzt sie den Chatbot nicht gerne, weil er fehlerhaft ist.

Ihr habt mehrere Wochen an all diesen coolen Funktionen gearbeitet, aber nun stellt sich heraus, dass viele von ihnen nicht dazu beitragen, das Problem eurer Freundin zu lösen. Und jetzt benutzt sie die App nicht einmal! Ihr hättet viel Zeit sparen können, wenn ihr eine viel einfachere App erstellt hättet. In dieser zusätzlichen Zeit hättet ihr den Wecker und das Benachrichtigungssystem verbessern können und sichergestellt, dass sie wirklich gut funktionieren.

Unser Tipp: Entwickelt eine App (oder ein KI-Modell), die ein oder zwei Dinge wirklich gut kann. Das hilft nicht nur, euer Problem zu lösen, sondern wird auch euren Nutzer:innen besser gefallen. Ihr habt nur ein paar Monate Zeit, um während der Technovation-Saison ein Produkt zu erstellen. Daher ist es besonders wichtig, dass ihr die Zeit sinnvoll nutzt. In dieser Lektion lernt ihr, wie ihr verschiedene Funktionen eurer Anwendung priorisiert und zuerst an den wichtigsten Funktionen arbeitet.

Ein Minimal Viable Product (MVP) ist eine App oder ein KI-Modell, die oder das gerade genug Funktionen hat, um ihre Aufgabe zu erfüllen und von Nutzer:innen getestet zu werden, damit später Verbesserungen vorgenommen werden können. In dieser Lektion entscheidet ihr, welche Funktionen ihr in euer MVP aufnehmt und welche zukünftigen Funktionen ihr später erstellt.

Im Moment habt ihr wahrscheinlich eine lange Wunschliste von Dingen, die euer Produkt erledigen soll. Um ein MVP zu erstellen, entscheidet ihr, welche Funktionen am wichtigsten sind und welche ihr zuerst erstellt. Denkt darüber nach, welche dieser Funktionen euer Problem wirklich lösen und welche sich eure Nutzer:innen wünschen. Bevor ihr anfangt, überprüft eure Problemdarstellung und eure Nutzer:innenforschung aus den Ideenentwicklungs-Lektionen 7 (Marktforschung) und 8 (Eine Problemdarstellung schreiben)

Aktivität: Sich für ein MVP entscheiden

Dafür braucht ihr:

  • Stifte oder Marker
  • Papier zum Schreiben oder dieses Arbeitsblatt

Aufgabe:

  1. Erstellt eine Liste mit allen Dingen, die eure App (oder KI) machen soll. Achtet darauf, dass ihr große Ideen in kleinere Funktionen unterteilt. Zum Beispiel:

Große Idee:

  • Soziales Netzwerk, das es den Nutzer:innen erlaubt, sich als Freund:innen zu vernetzen, Bilder zu posten und private Nachrichten auszutauschen

Kleinere Funktionen:

  • Nutzer:innen können sich mit anderen Nutzer:innen vernetzen
  • Nutzer:innen können Bilder machen und sie auf ihren Profilen posten
  • Nutzer:innen können einen Feed von Bildern sehen, die andere gepostet haben
  • Nutzer:innen können sich gegenseitig Nachrichten schreiben
  1. Welche sind die wichtigsten Funktionen, die ihr bauen wolltet? Entscheidet euch. Stellt euch dazu folgende Fragen:
    • Welche Funktionen sind nötig, um das Problem zu lösen?
    • Welche Funktionen würden eure Nutzer:innen verwenden?
    • Welche Funktionen helfen euch, euch von eurer Konkurrenz abzuheben?

Wenn ihr fertig seid, ordnet die Funktionen nach ihrer Relevanz, sodass die wichtigste Funktion ganz oben steht.

Für euer MVP solltet ihr euch nur auf die ersten beiden Funktionen konzentrieren. So könnt ihr sie bestmöglich bauen und habt dann mehr Zeit, die App oder das KI-Modell mit euren Nutzer:innen zu testen und ihr Feedback zu sammeln.

Nun ist es an der Zeit, zu überprüfen, ob euer MVP das Problem auch tatsächlich lösen wird:

  • Ein Mädchen aus dem Team tut so, als wäre sie eine Person, die das Problem hat, was ihr versucht zu lösen. Stellt ihr das MVP vor (ohne die zukünftigen Funktionen zu erwähnen).
  • Hilft es, ihr Problem zu lösen? Seid gegenüber eurem MVP so kritisch wie möglich.

Wenn euer MVP ihr Problem nicht lösen kann, müsst ihr eure Funktionen vielleicht neu priorisieren.

document

Reflexion

Ihr solltet nun eine bessere Vorstellung davon haben, was ihr in euer MVP aufnehmen werdet. Denkt daran, dass euer MVP nur euer erster Prototyp ist und ihr jederzeit daran arbeiten und ihn noch besser machen könnt – auch wenn die Technovation-Saison vorbei ist!

  • Hattet ihr Schwierigkeiten, die Funktionen für euer Projekt zu priorisieren? Warum oder warum nicht?
  • Wie habt ihr einen Kompromiss zwischen euren Lieblingsfunktionen und den besten Funktionen zur Lösung eures Problems gefunden?
  • Was sind eure nächsten Schritte zur Programmierung einiger Funktionen eures MVP?

Nachdem ihr euer MVP abgeschlossen habt, seid ihr sicher auf das Feedback eurer Nutzer:innen gespannt.

Zusatz-Material

UX Design & User Stories

Möchtet ihr noch mehr Informationen zum Thema MVP erfahren? Dann findet ihr hier einen tollen (englischen) Artikel von adc Calculator!

UX Design (Nutzer:innenzentriertes Design)

UX Design (kurz für „User Experience“) hilft Menschen dabei, Technologien zu entwickeln, die einfach und intuitiv zu bedienen sind. Beim UX Design geht es also um die Verbesserung der „Nutzer:innenerfahrung“. Die Nutzung einer Technologie (z. B. einer App) sollte immer möglichst einfach sein, damit die Nutzer:innen sie auch in Zukunft verwenden. Bleiben wir bei dem App-Beispiel: Auch eure App soll einfach zu bedienen sein und Spaß machen – gleichzeitig aber auch ein Problem lösen. Ihr möchtet eure App also benutzerfreundlich machen. Aber wie gelingt das?

Beim UX Design geht es nicht nur darum, was eurer Meinung nach gut aussehen könnte und wie ihr die App nutzen würdet. Es geht um den Kontext: Überlegt einmal, wer die App sonst noch verwenden wird und welche Bedürfnisse diese Personen haben könnten. Werden die Leute sie einmal im Jahr, einmal in der Woche oder einmal am Tag nutzen? Wo werden sie die App benutzen? Früher nahm man noch an, dass die Menschen Apps nur an ihrem Schreibtisch nutzen. Was sind eure Lieblings-Apps und was machen sie? Wo und wie verwendet ihr sie? Tun sie viele Dinge oder tun sie nur wenige Dinge – diese aber wirklich gut?

Stakeholder (Interessent:innen)

Zunächst müsst ihr eure Stakeholder definieren. Stakeholder sind die Personen, die eure App nutzen oder die von dem Problem betroffen sind.  Das sind die Leute, mit denen ihr sprechen müsst. So könnt ihr mehr darüber erfahren, was die App für sie tun soll. Vielleicht denkt ihr, dass ihr die typischen Nutzerinnen seid – aber trotzdem solltet ihr mit anderen Menschen sprechen, sie interviewen, ihr Feedback einholen und sie in der Umgebung beobachten, in der sie eure App nutzen würden.

Stellt euch vor: Ihr entwickelt eine App, mit der Schüler:innen Essen in der Schulkantine vorbestellen können, um die Warteschlange zu verkürzen. Mithilfe der App können die Schüler:innen das Essen am Morgen vorbestellen und es dann zur Mittagszeit abzuholen. Die potenziellen Stakeholder (Interessent:innen) für diese App wären:

  • Schüler:innen (die die App nutzen werden),
  • Cafeteria-Personal (das die Bestellungen über die App entgegennimmt),
  • Eltern (die ihren Kindern ein Smartphone kaufen müssten, damit sie die App nutzen können),
  • Schulleitungen und Lehrkräfte (die vielleicht der Meinung sind, dass Smartphones während der Schulzeit nicht verwendet werden sollten) und
  • der IT-Support der Schule (der Schüler:innen ggf. zeigen müsste, wie die App funktioniert oder wie sie sich mit dem Netzwerk verbinden können).

Seid ihr bereit, das für eure App auszuprobieren? In den folgenden zwei Aktivitäten könnt ihr herausfinden, wer eure Stakeholder sind und wie ihr Interviews und User Stories (Nutzer:innengeschichten) über sie sammeln könnt.

Dafür braucht ihr:

  • Post-its (digital oder real)
  • Stifte oder Marker

Aufgabe:

  1. Macht ein Brainstorming und schreibt alle möglichen Stakeholder (Interessent:innen) für euer Projekt auf. Am besten notiert ihr einen Stakeholder pro Post-it.
  2. Teilt die Stakeholder in ähnliche Gruppen ein (z. B. Erwachsene, Kinder, Schulpersonal).
  3. Entscheidet, auf welche Stakeholder ihr euch mit eurer App konzentrieren möchtet.
  4. Schreibt Fragen auf, die ihr ihnen stellen möchtet.
  5. Plant Interviews mit den Stakeholdern – ihr könnt sie euch im Team aufteilen, damit ihr Zeit spart. Ihr könnt die Interviews aber auch gemeinsam durchführen.

Euer Ziel ist geklärt und ihr habt die Stakeholder gefunden, die ihr interviewen möchtet? Dann fangt nun an, mehr über sie zu herauszufinden!

Ihr wollt herauszufinden, was eure Stakeholder mit der App machen wollen? Dann müsst ihr sie befragen. Stellt ihnen Fragen, die euch helfen, Anforderungen an eure App zu finden. Anforderungen sind Dinge, die die App tun muss. Um beim Beispiel der Cafeteria zu bleiben: Die App muss es den Schüler:innen ermöglichen, das Essen auszuwählen, das sie bestellen möchten. Sie sollte dann die Bestellung an die Cafeteria senden – zusammen mit dem Namen der Schüler:innen, damit das bestellte Essen beim Abholen leicht zugeordnet werden kann.

Befragt eine Reihe von Personen, die mögliche Stakeholder eurer App sind, um mehr über das Problem herauszufinden und ihre Meinung zur Lösung zu erfahren. Ihr kennt andere Apps, die das Problem lösen, auf das sich euer Team konzentriert? Dann könnt ihr die Nutzer:innen dazu befragen und herausfinden, was ihnen an den Apps gefällt und was für sie nicht so gut funktioniert.

Dafür braucht ihr:

  • Einen Ausdruck der Fragen, die ihr in der Stakeholder-Map (vorherige Aktivität) aufgeschrieben habt
  • Ausdruck der Persona-Vorlage
  • Ausdruck der User-Story-Vorlage
  • Papier
  • Etwas zum Schreiben
  • Diktiergerät oder App, wenn ihr das Interview aufzeichnen möchtet

Aufgabe:

  1. Stellt euch vor und gebt der Person, die ihr interviewt, einen kurzen Überblick darüber, worum es in eurem Projekt geht. Warum seid ihr daran interessiert, ihr Feedback zu erhalten?
  2. Stellt die Fragen, die ihr vorbereitet habt.
  3. Verwendet die Persona-Vorlage aus dem „Goldman Sachs Web UI Toolkit“, um weitere Informationen zu sammeln. Eine Persona ist eine Beschreibung einer Person (real oder fiktiv), die die App nutzen wird. Mit einer Persona könnt ihr euer Design auf eine:n bestimmte:n Benutzer:in ausrichten, anstatt ein Design „für alle“ zu entwerfen. Erstellt so viele Personas, wie ihr benötigt, um die Hauptkategorien der Personen zu erfassen, die die App nutzen werden. Fragt sie, welche Ziele sie mit eurer App verfolgen, welche besonderen Bedürfnisse sie haben und was ihre Schmerzpunkte sind. Schmerzpunkte sind echte oder vermeintliche Probleme, mit denen Menschen zu kämpfen haben. Eure App wird im Wesentlichen versuchen, Lösungen für diese Schmerzpunkte zu bieten.
  4. Verwendet die User-Story-Vorlage aus dem „Goldman Sachs Web UI Toolkit“, um etwas tiefer zu ergründen, welche Funktionen eure Benutzer:innen sich wünschen und warum.
  5. Kommt wieder als Team zusammen und tauscht euch über eure Erfahrungen aus den Interviews, über eure Personas und User-Story-Vorlagen aus.
  6. Ihr habt das Gefühl, dass ihr noch weitere Stakeholder befragen müsst, um an Informationen zu kommen? Dann tut das jetzt, bevor ihr zum nächsten Schritt (dem Design) übergeht! Bald werdet ihr einen Papier-Prototypen erstellen – das ist ein lustiger und kreativer Prozess.

Nächste Schritte

Sobald ihr genügend Informationen gesammelt habt, solltet ihr die Aktivität in dieser Lektion noch einmal durchführen. Dann seht ihr, ob sich etwas an den App-Funktionen geändert hat, die ihr für am wichtigsten haltet. Denkt daran, dass benutzerzentriertes Design (UX Design) ein sogenannter iterativer Prozess ist. Das bedeutet, dass ihr wahrscheinlich mit jedem Schritt der Entwicklung und des Testens eurer App besser und besser werdet! Nachdem ihr euer MVP erstellt habt, testet es mit euren Stakeholdern. So könnt ihr sehen, was sie davon halten.

Technovation Challenge

Bewertungskriterien für den internationalen Wettbewerb

Anhand von Kategorien und Kriterien wird die App oder das KI-Modell am Ende der Technovation-Saison von einer Jury bewertet. Diese Lektion hilft euch, Punkte im Teil „Demo-Video“ zu sammeln, wo ihr zeigen könnt, wie eure App funktioniert. Hier könnt ihr den Bewertungsbogen einsehen.